Zum Tod von Heinz Badewitz

Rede von Alfred Holighaus anlässlich der Trauerfeier für den Festivalmacher Heinz Badewitz am 4. April 2016 im ARRI Kino, München


Kannst Du Dir das vorstellen?
Heinz´ Lieblingsfrage war eine rhetorische. Genau deshalb habe ich sie aus Spaß immer beantwortet, und zwar mit Ja.
Und jetzt hat sie uns alle als direkte Frage im Zusammenhang mit seinem Tod eingeholt. Und alle haben sie im Ernst und mit Nein beantwortet.

Heinz Badewitz, der Sommelier und Meteorologe des deutschen Films, soll tot sein, nicht mehr da? Heinz, der heimliche Humboldt des Filmfestival-Universums, der immer auf Entdeckungsreise war (und von einer solchen nicht mehr wiederkam)? Der Kurt Landauer des Festival-Fußballs, der sich niemals über eine Niederlage ärgern musste, weil er Präsident beider Hofer Mannschaften war und darum höchstens mal ein Unentschieden zu verkraften hatte? Der Pate des deutschen Films, bei dem sie ALLE einmal Nachwuchs waren.

DER Heinz vom Film? Vor allem der Heinz vom Filmfestival, das zufällig entstanden war, nicht mit macht- oder strukturpolitischer Ambition, und wahrscheinlich auch deshalb eine beeindruckende Halbwertzeit hat.

Heinz ist Hof. Und er wird es bleiben, weil er es immer war. Weil er nach einem Sommerausflug im Jahr 1967 plötzlich an der Idee festgehalten hat, dass man aus einer verkehrstechnisch mittelmäßig angebundenen Stadt im damaligen Zonenrandgebiet für wenige Tage im Jahr eine Filmmetropole machen kann. Ein Mekka für deutsche Filme, die sich plötzlich anders anfühlten und für außergewöhnliche internationale Produktionen, die man erst einmal kennenlernen musste.

Heinz machte, dass man sich dort wohlfühlte. Das ging mir schon bei meinem ersten Hof-Besuch vor 35 Jahren in einer Absteige für 30 Mark die Nacht ohne funktionierende Dusche so. Es ist diese körperliche Nähe zum Kino und seinen Machern, diese Direktheit, Unverstelltheit, Begeisterungsfähigkeit, das Unprätentiöse, das bei Heinz sein eigenes Leuchten hatte, und dass das Hof-Gefühl zum Hoch-Gefühl werden lässt. Noch immer, noch nach einem halben Jahrhundert. Und jetzt soll es plötzlich verschwunden sein? H.O.F. als Home of Films, Home of Filmfans, Home of Football und Home of Football-Fans. Hier und heute funktioniert sogar das Anagramm des Ortsnamens. Wir sind F.O.H. – Friends of Heinz.

Heinz Badewitz war eben auch der beste Gastgeber des deutschen Films. Nicht nur in seiner Geburtsstadt. Er war schon der Focus Germany in Cannes, bevor es diesen offiziell gab. Und die begehrteste Einladung bei der Berlinale ist ein kleiner, bunter, handgemachter Zettel, mittels dessen Heinz meist dienstags abends konspirativ zu kommunikativen Weinkonsum in ein Kontor jenseits des Festivalzentrums einlud. Die Insel im Strom des Wettbewerbswahnsinns, der Club Mediterrane für eine Filmfamilie, in der man sich dank Heinz noch was zu sagen hat.

Eine Fußballgeschichte, bitte.
Vor einigen Jahren forderte ich – was sich übrigens überhaupt nicht schickt – nach mehreren auffälligen Fehlpässen des Spielmachers Stefan von Moers vom damaligen Trainer und heutigen Teamchef des FC Hofer Filmtage Christian Friedel lautstark Stefans Auswechslung zugunsten eines seiner Söhne. Stefan konterte trocken: Bring doch erst mal selbst einen! Ich hatte fest vor, dieser Forderung am 29. Oktober 2022 nachzukommen. Mein kleiner Sohn wäre dann mit Siebzehn der robusten Anlage dieses durchaus kompetitiven Freundschaftsspiels gewachsen gewesen. Und Heinz mit Achtzig noch deutlich jünger als der Präsident des Festivals von Cannes zum Ende seiner Amtszeit.
Das konnte ich mir eher vorstellen, als dass Heinz jetzt nicht mehr da ist.
Wer soll mich denn jetzt beeindrucken mit seiner niemals erschöpften Neugierde auf Filme und diejenigen, die sie machen? Wer erzählt mir denn jetzt soviel über die Herkunft und Qualität des Rieslings, der vor mir steht, dass er schon warm ist, wenn ich ihn endlich selber kosten kann? Von wem lerne ich denn jetzt, wie ich mal an einem Film kein gutes Haar lasse und dabei den anwesenden Regisseur nicht verletze? Und Heinz war der einzige Nicht-Schalker, der mich nach einer blau-weißen Niederlage anrief, um das Spiel ohne Häme in der Stimme zu kommentieren. Heinz hat die Seele im Geschäft bewahrt. Dafür kann ich, können wir ihm nicht dankbar genug sein.

Ich weiß, dass Heinz nur an die Wolken dachte, wenn er vom Himmel sprach. Aber da ich mich beharrlich weigere zu glauben, dass das Leben mit so etwas Beschissenem wie dem Tod endet, stelle ich mir den Hofer im Himmel vor und ahne, wem er alles begegnen wird: Mit Rainer Werner Fassbinder spricht er über alte Zeiten, und sie erinnern sich an dessen Rauswurf aus dem Strauss. Mit Laurens Straub geht er in Geschichten aus dem Filmverlag auf. Mit Herrmann Kauper schaut er sich einige der Fotos an, die wir auch heute hier sehen und gesehen haben. Christoph Schlingensief bittet Heinz darum, Franz-Josef Strauß zu überreden, auf die Rolle des CSU-Vorsitzenden in seinem aktuellen Flüchtlingshappening zu verzichten, weil er hier oben doch wieder mit Alfred Edel zusammenarbeiten kann. Dann erzählt Baumi, der wieder Gitanes raucht, weil der Aufkleber „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“ im ewigen Leben überflüssig ist, dass er fieberhaft an einer Koproduktion mit der Hölle arbeitet, denn das sei mal eine echte produzentische Herausforderung. Und Jimmy Vogler wartet auf Heinz, weil er von ihm das Ergebnis des ersten Fußballspiels in seiner Abwesenheit persönlich erfahren möchte und ob die Welt da unten jetzt endlich eine gerechtere ist. Für mich – und vielleicht auch für einige von Euch – ist diese Vorstellung ein immerhin schwacher Trost.