15 Jahre Friedenspreis des deutschen Films - Ein Grußwort

Gehalten von Alfred Holighaus am 30. Juni 2016 in München


Sehr geehrte Frau Staatsministerin Merk, verehrte Mitglieder des Bayerischen Landtages, werte Gäste, meine liebe Elisabeth,

Wenn man über 15 Jahre Friedenspreis des deutschen Films redet, muss man über Bernhard Wicki reden. Über den Schauspieler mit der so sonoren und so sanften Stimme, die sehr laut und sehr vernehmlich werden konnte, wenn er sie als Filmemacher, als Regisseur erhob.

Über den Mann, der in der ZÜRCHER VERLOBUNG mit Lilo Pulver den unglücklichen Nebenbuhler von Paul Hubschmid spielte und in Antonionis LA NOTTE den schwer kranken Freund von Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni.

Den Mann, der bereits in seinem ersten Spielfilm DIE BRÜCKE, also dem Namensgeber dieses Preises, ein für allemal klar machte, dass und warum Kriege niemals Helden hervorbringen, sondern immer Opfer.
Zwei Jahre später erzählte er in dem Film DAS WUNDER DES MALACHIAS augenzwinkernd vom Wechselspiel zwischen Kirche und Kapital. Und in den sehr bewegten siebziger Jahren hauchte er in dem turbulenten Film DIE EROBERUNG DER ZITADELLE dem von einem bekannten Trierer Bürgersohn geprägten Begriff des Klassenkampfes echtes Leben ein.

Bernhard Wickis Opus Magnum aber sollte nicht seine erste, aber die fulminanteste Verfilmung eines Romans von Joseph Roth werden – DAS SPINNENNETZ, die beängstigende Geschichte des politischen Opportunisten Eduard Lohse in den frühen zwanziger Jahren. Für mich persönlich war die Begegnung mit diesem Film DAS Ereignis der Filmfestspiele von Cannes im Jahr 1989. Ich habe noch einmal nachgeschaut, was mich vor 27 Jahren als Kritiker an diesem Film so fasziniert hat. Es war – wie auch Elisabeth Wicki-Endriss schon deutlich machte – seine frappante Aktualität, die heute schon wieder gilt: Weil, wie ich damals schrieb, „Eduard Lohse mitten unter uns ist. In der U-Bahn, in der Kneipe, im Fußballstadion, bei Aktionärsversammlungen, in der Kirche und auch in den Parlamenten.“ (Zitat Ende).

When will they ever learn?

Und natürlich eröffnet das Reden über 15 Jahre Friedenspreis auch noch mal den Blick auf die Preisträger. Und dieser Blick lässt erkennen, wie sehr sich der Preis seiner eigenen Bedeutung bewusst ist. Die Liste der Preisträger ist eine beeindruckende Anthologie eines Kinos, das sich sowohl seiner Verantwortung der Vergangenheit als auch der Gegenwart gegenüber stellt – gesellschaftlich wie künstlerisch.

Und so ist es kein Wunder, dass sich unter den Filmen und Personen, die in den letzten 15 Jahren geehrt wurden, folgende Beispiele finden, die ich mehr oder weniger spontan nenne, weil ich sie nicht mit der Liste der heute anwesenden und herzlich willkommen Alumni gespiegelt habe.

Volker Schlöndorffs intensives KZ-Kammerspiel DER NEUNTE TAG findet sich dort ebenso wie die dichten, von Leonie und Fred Breinersdorfer geschriebenen und von Marc Rothemund und Oliver Hirschbiegel inszenierten Widerstandsdramen um SOPHIE SCHOLL oder GEORG ELSER.

Genaue, kritische, aufwühlende Blicke auf die Welt von heute gewähren uns Hans-Christian Schmids ebenso aufklärerischer wie spannender EU-Thriller DER STURM oder Marco Kreuzpaintners Immigrationsdrama TRADE. Nicht zu vergessen IN EINER BESSEREN WELT von Susanne Bier, diese eindringliche Erzählung vom privaten Konflikt zwischen Rache und Vergebung vor dem Hintergrund weltpolitischen Elends.

Und schon gar nicht zu vergessen all die mit Verstand und Treffsicherheit prämierten Nachwuchsarbeiten und Talente. Hier stand Sibel Kekelli auf der Bühne für ihre Leistung in Feo Aladags Ehrenmord-Drama DIE FREMDE, und die Regisseurin Yasemin Samderelli für die bittere Migrationskomödie ALMANYA. Hier war Haaifa Al Mansour mit DAS MÄDCHEN WAJDA, dem filmischen Denkmal für den Kampf gegen das Mittelalter in der Postmoderne. Und – im vergangenen Jahr – Burhan Qurbani für seinen leider auch viel zu aktuellen Rostock-Lichtenhagen-Film WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK.

Auch die zu prämierenden Filme und besonders Persönlichkeiten, mein lieber Burghart, in diesem, dem Jubiläumsjahr machen einem Kino alle Ehre, das sich und uns mehr wünscht als gute Unterhaltung, diese aber nicht vernachlässigt.

Und so haben auch diese Preisträger wie ihre Vorgänger das mit den Filmen Bernhard Wickis gemein, was sie nur auf den ersten und oberflächlichen Blick inkompatibel machen könnte mit einem FRIEDENSpreis: Sie stiften Unruhe.

Aber genau das ist gemeint. Denn Frieden, das spüren wir gerade täglich, ist kein Zustand. Frieden ist ein Prozess.

Ich wünsche uns allen einen guten und unruhigen Abend.