Premiumcontent oder Abstellgleis

Berlin, 04.10.2018

Premiumcontent oder Abstellgleis

 

Ein Panel der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein und der Deutschen Filmakademie beim Filmfest Hamburg am 28. September beschäftigte sich mit dem Thema: „Filmauswertung auf SVoD-Plattformen“.

SPIO-Präsident Alfred Holighaus hielt die einführende Keynote.

 

Das Subscriptional VoD – vulgo SVoD - ist ein Abonnement. Gegen eine monatliche Gebühr hat der Nutzer Zugriff auf einen Filmstock und kann diesen unbegrenzt nutzen. Diese Verwertungsform wird in engem Wettbewerb zum Pay- und Free-TV gesehen. Ein Abonnement bei Netflix kostet derzeit zwischen 7,99 € und 13,99 €,  je nach Bildauflösung und Anzahl der gleichzeitig nutzbaren Geräte. Die Mitgliedschaft bei Amazon prime kostet 7,99 € und beinhaltet neben dem Zugang zu der Online-Videothek noch Vorteile beim Versandhandel über Amazon. (Womit  - ganz nebenbei – noch einmal klar wird, wo die audiovisuellen Weltmarktführer eigentlich herkommen und weshalb sie sich das Knowhow über digitale Medien und deren Nutzung in ihre Gremien holen. Jüngstes Beispiel: Springer-Chef Mathias Döpfner neu im Aufsichtsrat von Netflix.)

Unübersehbar ist: Die Marktanteile im Onlinevideomarkt haben sich deutlich in Richtung SVoD verschoben – und zwar von 26 auf 64 Prozent zwischen 2014 und 2017.

Die wichtigsten Player sind Amazon, Sky, Maxdome und vor allem Netflix, welches ausschließlich Subscriptional VoD anbietet.

Die Präsenz deutscher Filme auf diesen Plattformen hält sich – gelinde gesagt – sehr in Grenzen. Die letzten statistisch erhobenen Werte lagen zwischen 13 und 2 Prozent. Die Tendenz ist sinkend. Den quantitativ stärksten deutschen Content hat übrigens Amazon.

Über die Nutzer gibt es keine belastbaren Informationen. Man kann aber davon ausgehen, dass sie eher jung sind - mit einem mehrheitlich maskulinen Anteil.

Marktbeobachter gehen außerdem davon aus, dass eine besonders große negative Austauschbeziehung zur klassischen Videonutzung besteht. Zum ersten Halbjahr 2018 haben die Konsumentenausgaben für Online-Videos (SVoD + TVoD + EST), die der physischen Formate (DVD, Blu-ray, HD) erstmalig überholt.

Wobei wir auch wissen, dass der physische Videomarkt in Deutschland zwar sinkt, aber im internationalen Vergleich noch gut dasteht – mit nach wie vor einer Milliarde Euro Umsatz. Hier verhält sich das deutsche Publikum antizyklisch. Übrigens ebenso wie im klassischen Kinomarkt. Denn dort gibt es international Zuwächse, während Deutschland derzeit im zweistelligen Prozentbereich verliert.

Dennoch muss gesagt werden, dass das Kino zur Zeit noch geringere Abgänge in Richtung SVoD vorweist. Im Gegenteil: Es gibt sogar positive Wechselwirkungen, sprich sehr filmaffine Gruppen nutzen sowohl Kino als auch  VoD/SVoD sehr intensiv.

Allgemein gilt: VoD und SVoD sind nicht nur neue Nutzungsarten des Konsums audiovisueller Angebote, sie haben auch neue Nutzerpotentiale generiert.

 

So sind die aktuell vorhandenen und den Markt eindeutig bestimmenden und beherrschenden Angebote vielleicht nicht das neue Eldorado für europäische oder gar deutsche Filme und Serien, aber durchaus eine Chance, die bei geändertem Anbieter- und Nutzerverhalten nicht ungenutzt bleiben sollte!

 

 

Dennoch hört man genau hin, wenn der UFA-Chef Nico Hofmann in einem Interview auf „Spiegel online“, das übrigens auch gut als Keynote für diese Veranstaltung getaugt hätte, klar sagt:

 

„Die Milliarden, die Netflix und andere internationale Anbieter angeblich in den Markt pumpen, kann ich hier beim besten Willen in Deutschland nicht sehen. Für den deutschen Produktionsmarkt sind nach wie vor die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten die Hauptauftraggeber, die über 90 Prozent des Produktionsvolumens ausmachen - ein in keiner Weise zu ersetzender Markt.“

 

Das macht die Sache aber nicht leichter  - und hilft dem deutschen Kinofilm zum Beispiel herzlich wenig. Denn in Deutschland beteiligen sich die Sender und leider auch der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk am klassischen Kinogeschäft nicht gerade üppig . Gleichzeitig aber werden die Mediatheken als Plattformen ausgebaut, womit die Sender wettbewerbsverzerrend in den Lauf der Wertschöpfung eines nicht als Auftragsproduktion entstandenen deutschen oder europäischen Kinowerkes grätschen.

 

Die SPIO hat sich nach der Entscheidung der Ministerpräsidenten für eine deutliche und für die mittelständische Filmwirtschaft eindeutig schmerzhafte Ausweitung des Telemedienauftrages der öffentlich-rechtlichen Sender, den Zorn der Politik und der – von mir übrigens ausdrücklich und als Gebührenzahler befürworteten -  Sender zugezogen, weil wir sagten:

 

„Wir sind fassungslos, dass die Politik die Bedenken der audiovisuellen Kultur- und Kreativwirtschaft komplett ignoriert und bis auf das Verbot der Presseähnlichkeit ausschließlich Interessen der Sendeanstalten bedient hat Dabei steht die Filmbranche vor der gleichen Herausforderung wie die freie Presse: Nur wenn sich Inhalte über eine digitale Auswertung refinanzieren lassen, können wir eine vielfältige und kreative Medienlandschaft garantieren.“

 

Denn: Die neuen Regelungen sehen vor, dass Sendeanstalten noch umfassender als bisher über die Verweildauern von Filmen und Serien im Netz selbst bestimmen können – unabhängig davon, ob sie diese Werke vollständig finanziert haben. Auch angekaufte europäische Produktionen dürfen bis zu 30 Tage nach ihrer Ausstrahlung online zur Verfügung gestellt werden.

 

Deutsche und europäische Produktionen werden damit einer ungleichen Wettbewerbssituation ausgesetzt. Schon heute erleben wir, dass Filme umso mehr an Attraktivität und Wert für kommerzielle Medienanbieter verlieren, je länger sie unentgeltlich im Netz stehen. Die Ausweitung der Mediatheken verbaut der mittelständischen Filmwirtschaft regelrecht den Zugang zum Online-Markt, weil SVoD-Platformen einen Catch-Up über sieben Tage als Verletzung einer Free-VoD-Sperre ansehen und deshalb den Wert des Produktes mindern oder gar nicht mehr sehen.

 

Zurück zur Frage: Premium-Content oder Abstellgleis?

 

In meiner Wahrnehmung besteht der wahre Premium-Content der SVoD-Plattformen aus Eigenproduktionen. Zunächst und immer noch aus Serien, nicht selten mit High-End-Charakter.

Zunehmend aber auch aus Spielfilmen namhafter (Arthouse)Regisseure, die durch die Teilnahme an renommierten Filmfestivals (sogar A-Festivals) geadelt werden

Paradebeispiel: ROMA in Venedig.

Klassische Lizenzware gerät aber nicht aufs Abstellgleis. Die großen SVoD-Anbieter sind an Inhalten und Talenten interessiert. Aber belastbare Informationen über Lizenzgebühren, für deren Berechnung nun einmal aktuell keine verlässliche Basis besteht, sind nicht virulent.

 

SVoD-Plattformen müssen aber als Lizenz-Partner verlässlich werden, weil sie als Marktteilnehmer progressiv sind.

Als Finanziers von Premium-Inhalten sind die Plattformen in Einzelfällen sowieso immer interessant.

Jetzt müssen sie noch dazu beitragen, dass Inhalte-Produzenten längerfristig kapitalisiert werden, und sie als adäquater Partner für Verwerter als Finanzierungspartner von Inhalte-Produzenten taugen.

 

Doch auch für die Plattformen gilt: Wenn Content der King ist, ist der Kunde der Kaiser. Und da wird es in der digitalen Welt noch mal spannend.

Denn: Durch die vereinfachte Verfügbarkeit von Inhalten ist einerseits der Weg zum User kürzer, andererseits wird der Wunsch des Users deutlicher artikuliert. Oder, wie Nico Hofmann es in besagtem Interview formuliert: „Das Publikum ist gnadenloser.“

 

Das könnte Auswirkungen auf das Angebot haben. Die Frage ist nur: Laufen diese Angebote dem User hinterher - oder fordern sie den User inhaltlich und formal heraus. Oder findet am Ende vielleicht sogar ein kreativer Dialog statt. Für die Jüngeren unter uns: Der Dialog ist die Form der Kommunikation, die anthropologisch stabil und empirisch extrem belastbar ist. Aber sie ist leider aus unserer Zeit gefallen – und deshalb im digitalen Zeitalter wenn nicht verloren gegangen, so doch gefährdet.

 

P.S.: Das Premium-Erlebnis von Content findet nach wie vor im Kino statt.