Blick zurück nach vorn

„Ich mache mir Sorgen“. Unter diesem Motto veröffentlichte SPIO-Präsident Alfred Holighaus zum Jahreswechsel einen Gastbeitrag im Münchner Branchenblatt „Blickpunkt Film“. Es ist ein Blick zurück nach vorne und benennt einige der Themen, um die sich die Filmwirtschaft und ihr Dachverband in den nächsten Monaten kümmern sollte und wird:

Ehrlich gesagt: Ich mache mir Sorgen.

Am 12. Dezember 2015 wurden bekanntlich in Berlin die 28. European Film Awards verliehen. Es wäre ein Leichtes, diese Veranstaltung nostalgisch zu nennen, weil sie ein Kino feierte, dessen Identität sich aus einer kulturellen, kinematografischen und filmwirtschaftlichen Tradition speist, die seit Jahrzehnten in einem Kontinent gepflegt wird, der sich politisch gerade selbst zu verlieren droht. Über die Gründe dafür wird derzeit nicht nur auf Parteitagen gestritten. Nur so viel: Die Gefährdung eines politischen Wertesystems entsteht nicht durch Herausforderungen von Außen, sondern durch falsche Reaktionen auf diese Herausforderungen im Innern. Die erleben wir gerade haufenweise an Europas Grenzen, in den Parlamenten und leider auch auf den Straßen etwa so schöner und kultivierter Städte wie Dresden. Wir erlebten sie glücklicherweise nicht auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele, wo sich das europäische Kino schließlich eher trotzig als nostalgisch verhielt. Ein Abend der Hoffnung für Europa, das hier zu sich selbst fand, anstatt sich zu verlieren.

Ein Abend auch, der noch einmal klar machte, was Europa tatsächlich verlöre, hätten wir das europäische Kino in seiner Vielfalt, mit seiner Eigenwilligkeit, seiner Kraft, seiner Nachdenklichkeit und – ja – seinem Humor nicht mehr. Ein Abend auch, an dem man sich die Anwesenheit politisch Verantwortlicher gewünscht hätte, die den Verlust dieses Kinos riskieren, indem sie seinen Erhalt und seine Verbreitung zu forcieren vorgeben. Ein digitaler Binnenmarkt mag in vielerlei Beziehung die richtige Antwort auf Herausforderungen unserer Informationsgesellschaft sein, in der Filmkultur führt er zur Zerstörung von Rezeptions- und Geschäftsmodellen, die es nicht etwa deshalb gibt, weil bisher niemandem bessere eingefallen sind, sondern weil sie ihrem Gut entsprechen. Europas Kultur und damit auch seine Kulturwirtschaft ist die Summe seiner einzelnen Teile und keine inhaltsleere mathematische Formel, die man am Ende möglichst noch auf zwei Bestandteile reduziert. Das Territorialitätsprinzip ist keine Schikane gegenüber vermeintlich zu kurz gekommen Verbrauchern (die weniger Freude an Inhalten haben als an deren Zugänglichkeit), sondern ein funktionierendes System zur Entwicklung, Finanzierung und intelligent organisierten Verbreitung von Filmen, die das Zeug zu dem haben, was weiter oben als Qualitäten des europäischen Kinos beschrieben wurde.

Und als käme aus Brüssel nicht bereits genug Unbill für die Kreativ- und Filmbranche, gibt es als Weihnachtsgeschenk aus dem Justiz- und Verbraucherschutzministerium in der Berliner Mohrenstraße noch den einen Referentenentwurf zum Urhebervertragsrecht. Doch anstatt – wie eigentlich erwartet – das Gefälle zwischen schöpferischen Leistungen und ihrer hemmungslosen Ausnutzung auf dem grauen digitalen Markt auszugleichen, macht der Entwurf zunächst einmal keinen Unterschied zwischen den völlig unterschiedlich gestrickten Systemen der Film- und der Fernsehwirtschaft. Darüber hinaus nimmt er mit seiner Regulierungswut die Gefahr in Kauf, aus natürlichen Verbündeten Gegner zu machen – und im Zweifel die GAFAs zu lachenden Dritten. Wie man mit diesen Problemen kreativ umgehen kann, beweist übrigens gerade der öffentliche Schulterschluss zwischen Autoren, Agenten und Verlegern auf dem vom diesem Gesetz besonders betroffenen Buchmarkt.

Und was war jetzt schön in diesem vergangenen Jahr? Eine ganze Menge. Und damit meine ich nicht in erster Linie das Ganzkörperprofil von Monica Bellucci in „Spectre“ als deutliche Antwort auf die unverschämte Frage, ob sie nicht zu alt sei für ein Bond-Girl. Schön war, dass sich Bora Dagtekin und Til Schweiger erneut und klarer denn je als Zuschauer-Garanten für großes Unterhaltungskino positioniert haben. Dass Sebastian Schipper in einem Rutsch zeigte, wie cool Arthouse made in Germany sein kann. Schön war die elegante Regie von Florian Cossen in dem deutsch-kanadischen Indie-Drama „Coconut Hero“, der viel zu wenig Beachtung beim deutschen Publikum fand. Oder die androgyne Verkörperung der Vision eines liberaleren Landes in der bleiernen Zeit vor den Frankfurter Auschwitz-Prozessen durch Lilith Stangenberg in Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Schön war auch der Mut zur Werktreue zu einem vermeintlich verstaubten Kinderbuchklassiker mit eigentlich hohem humanistischen und emanzipatorischem Impetus: „Heidi“, Regie: Alain Gsponer. Und natürlich die kluge Bestseller-Variation von „Er ist wieder da“, aus der der immer wieder überzeugende Regisseur David Wnendt das erfolgreiche filmische Gegengift für den unerträglichen Virus der Volks- (oder wie die Betroffenen sagen würden „völkischen“) Verblödung unseres Landes destillierte.

Wenn man dann noch bedenkt, dass unsere Kinos Besucher - und vor allem Umsatzrekorde schreiben, der physische Home-Entertainmentbereich stabil bleibt und der deutsche Marktanteil zum Ende des Jahres gegen dreißig Prozent wächst, könnte man meinen, man müsse sich keine Sorgen machen. Aber weder die künstlerische noch die wirtschaftliche Rendite ist sicher.

Deshalb sammeln wir jetzt alle Energie für das kommende Jahr.




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