Laudatio auf Simon Verhoeven („Willkommen bei den Hartmanns“) beim Friedenspreis des Deutschen Films

Gehalten von Alfred Holighaus am 29. Juni 2017 in München


Entscheidend ist bekanntlich nur auf'm Platz. Aber Simon Verhoeven war auch der richtige Otmar Walter wegen einer Szene außerhalb des Fußballstadions. Sein Lächeln, als er am Tag des Endspiels gegen die Ungarn die ersten Regentropfen abbekommt, ist das Versprechen auf das Wunder von Bern (im gleichnamigen Film von Sönke Wortmann), welches eingelöst wird, als der Himmel sich später zum echten „Fritz-Walter-Wetter“ verdichtet.

Dieses Lächeln hat sich der Schauspieler, Autor, Produzent Simon Verhoeven auch als Regisseur erhalten. In all seinen Filmen übrigens, die sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr ähneln mögen, und die doch bei näherer Betrachtung stets diesem Mann mit dem Lächeln – der übrigens sehr, sehr ernst sein kann – zugeordnet werden können.

Filme mit einem liebevoll-ironischen Blick auf seine (und meine) Geschlechtsgenossen, Filme über Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, Männer, die sich wirklich ernst nehmen im alltäglichen Kampf gegen ihre offensichtliche Lächerlichkeit, Männer wie Du und ich, die letztlich das haben, was ihre Existenz nicht nur berechtigt, sondern bedingt, nämlich „Männerherzen“.

Oder ein Horror-Film, wie er im Facebook steht. „Unfriend“, der schon im Titel spüren lässt, wie ungemütlich es werden kann, wenn Freunde und Followers zu Stalkern und Verfolgern werden. Ein Film, der alle Register des Genres zieht und einem doch immer klar macht, wie nah er an einer sich merkwürdig wandelnden Wirklichkeit bleibt.

Simon selbst hat diesen Effekt einmal in einem Interview mit der „Welt“ als „überhöhte Realität“ bezeichnet. Und das genau ist es. Das ist – lassen Sie mich es ruhig aussprechen – der Simon-Verhoeven-Touch, der artistische Fingerabdruck. Überhöhte Realität, wie Simon Verhoeven sie versteht und verwirklicht, ist nämlich nicht die deutsche Übersetzung, der etwas plumpen, aber manchmal durchaus tauglichen Formel des Kinos, „bigger than life“ (also einfach nur größer als die Wirklichkeit) zu sein. Es ist vielmehr die konsequente und kluge Anwendung der erzählerischen und visuellen Möglichkeiten des Kinos, mit der Wirklichkeit kreativ umzugehen. Und zwar in alle Richtungen.

„Willkommen bei den Hartmanns“ kommt das besonders zugute, weil es erstens grundsätzlich die Möglichkeit eröffnet, aus einem gesellschaftlichen Problem eine massenkompatible Komödie zu machen. (Ein ohnehin schon sehr guter Gedanke!)
Und weil es gleichzeitig erlaubt, mit der Komplexität und Widersprüchlichkeit dieses Problems buchstäblich zu spielen.

Und genau das ist das Wesen dieses Films, dessen Personal in der Botanisiertrommel der überhöhten Realität zu jener Mischung aus Karikaturen und tragischen Heldinnen und Helden zusammenkommt, die aus einem Stück Unterhaltungskino (mit einem – nebenbei bemerkt – grandiosen Schauspieler-Ensemble!) einen cleveren Beitrag zu einer aktuellen Debatte machen. Einen Beitrag übrigens, der sich gar nicht anmaßen will, die großen Fragen zu beantworten, sondern sich traut, auch mal die kleinen Fragen zu stellen oder sich solche sogar in Luft auflösen zu lassen.

Auch deshalb taucht dieser Film nicht nur bei der Verleihung von Bogeys oder Goldenen Leinwänden auf, sondern auch beim Deutschen Filmpreis – und beim Friedenspreis des Deutschen Films, der Bernhard Wicki gewidmet ist, dem großen und besonders eindringlichen Fragensteller des deutschen Kinos.

Unvergesslich ist mir ein Nachmittag mitten in der Woche, wo ich zur Zerstreuung mit meinem elfjährigen Sohn in einen Abenteuerfilm gehe, an den ich mich tatsächlich nicht mehr erinnern kann und dessen Besuch ich natürlich trotzdem nicht bereue, weil er an eben diesem Nachmittag seinen kurzfristigen Zweck erfüllt hat: Da steht hinter mir an der Kasse ein Mann Anfang sechzig wie aus der Rentner-Berichterstattung eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmagazins und kauft eine Karte für „Willkommen bei den Hartmanns“. Und ich denke: Willkommen im Kino, willkommen in einer Welt, die die Welt da draußen spiegelt, karikiert – und ja: – überhöht und im Bewusstsein hält. Willkommen bei Simon Verhoeven, der bei diesem Film gedacht, gehofft und erreicht hat, dass sich unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger dieses Themas auch jenseits von Pediga-Demonstrationen und Stammtischen annehmen. Willkommen bei den Hartmanns eben.